Cloud-First-Anforderungen kommender Netzwerk-Generationen Die Migration von MPLS-Netzwerken in das Cloud-Zeitalter

Autor / Redakteur: Guy Matthews / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

MPLS hat den Anforderungen von Unternehmensnetzwerken in den letzten 20 Jahren gut gedient. Doch seine Nachteile sind nicht zu übersehen. MPLS ist teuer, komplex in der Bereitstellung und unflexibel, was es für die Cloud-First-Anforderungen der nächsten Generation von Unternehmensnetzwerken ungeeignet macht. Worüber sollten wir also nachdenken, wenn wir uns auf eine Zukunft mit Cloud-Netzwerken einlassen?

MPLS wird zunehmend durch SD-WAN ersetzt – ist aber längst noch nicht tot!
MPLS wird zunehmend durch SD-WAN ersetzt – ist aber längst noch nicht tot!
(Bild: 1zu1 - Aufmacher - © Сake78 (3D & photo) - stock.adobe.com)

Von Zeit zu Zeit gibt es einen Wendepunkt, an dem eine Technologie einer anderen Platz macht, die besser für die anstehenden Anforderungen geeignet ist. In den frühen 2000er Jahren gab es zum Beispiel einen großen Umbruch in Unternehmensnetzwerken, als die Welt in kurzer Zeit von ATM, Frame-Relay und privaten Leitungsnetzen zu MPLS wechselte, das für den Transport von Internet-basiertem Datenverkehr viel besser geeignet war. MPLS und der Markt für dedizierte IP-VPNs hatten einen guten Lauf, aber jetzt ist die Zeit für einen weiteren Wechsel gekommen. Diesmal geht es um Aspekte wie Cloud-Networking und durch Software definierte Konnektivität.

„MPLS ist immer noch stark verankert und wird Zeit brauchen, um in die Annalen einzugehen. Neuere Märkte, wie der für Carrier-managed SD-WAN-Services, sind schnell gewachsen“, betont Erin Dunne, Director of Research Services beim unabhängigen Analystenhaus Vertical System Group. „Aber MPLS-Alternativen wie diese stellen nur einen winzigen Teil der gesamten Absatzmöglichkeiten dar, vielleicht etwa 5 Prozent. Carrier-managed SD-WAN entwickelt sich sicherlich schneller als andere Arten von Services", betont sie.

Wo ist das Carrier-managed SD-WAN also nach einem Jahr voller Lockdowns und Homeoffice angelangt? Die Zahlen der Vertical System Group zeigten ein dreistelliges Wachstum für 2019, während die des letzten Jahres einen Einbruch von 17 % aufweisen. „Trotz eines schwierigen Jahres ist Carrier-managed SD-WAN einer der Lichtblicke für den gesamten Netzwerkmarkt gewesen. Das Wachstum erholt sich, das sehen wir bereits."

Die Post-MPLS-Welt

Was sind also die großen Herausforderungen für Managed-Service-Anbieter, wenn sie versuchen, sowohl aus einer pandemiebedingten Verlangsamung herauszukommen als auch den Übergang zu einer Post-MPLS-Welt zu schaffen? „COVID war ein wichtiger Impuls, der eine Reihe von Anpassungen erzwungen hat", sagt Dunne. „Der erste ist die Migration in die Cloud. Und der zweite sind 'Work-from-Home'- und 'Work-from-Anywhere'-Lösungen. Service-Provider, die gerade erst in diesen Markt eintauchten, mussten diesen Übergang für ihre Unternehmenskunden managen. Jetzt, wo die Pandemie abklingt, hoffen wir, dass wir langsam wieder zu einer längerfristigen Planung zurückkehren. Service-Provider müssen Rückstände aufarbeiten, sich mit Multi-Cloud befassen, sich wieder auf die Transformation konzentrieren und wieder an die Nutzungsqualität denken."

Tata Communications bedient Unternehmen auf der ganzen Welt mit Managed-Network-Services. Song Toh, Vice President, Global Network Services bei dem Unternehmen, berichtet, dass es mit großen Plänen in das Jahr 2020 ging: „Dann wurde die Welt auf den Kopf gestellt", sagt er. „Das hat sich auf viele Firmen ausgewirkt und einige Pläne auf Eis gelegt. Jetzt machen sie mit der digitalen Transformation weiter, die erfordert, dass sich auch das Netzwerk transformiert. Die langfristigen Aussichten sind positiv. Die Infrastruktur muss aufgefrischt werden, die Netzwerkbandbreite muss für die geplanten IT-Systeme und die Cloud-Migration erhöht werden."

Ashwath Nagaraj ist Mitbegründer und Chief Technology Officer bei Aryaka, einem Anbieter von softwaredefinierter Netzwerkkonnektivität. Er glaubt, dass das, was aus der Pandemie hervorgegangen ist, nichts weniger als eine neue Netzwerktopologie ist: „Ein Anwender kann sich zu Hause befinden, in einer Filiale, in einem Rechenzentrum oder in der Zentrale. Seine Daten können sich in einem Rechenzentrum in der Cloud befinden, aber auch zu Hause. Dadurch ist das Web viel wichtiger geworden, als es jemals für das Unternehmensgeschäft war. Und dieser Wandel wird sich fortsetzen. Nicht jeder kommt zurück ins Office. Wohin also wird das Büro-Budget gehen? Es wird dazu beitragen, das Unternehmen zu transformieren, einigen älteren Netzwerken den Todesstoß zu versetzen und gleichzeitig die IT-Organisation in die Lage bringen, die Produktivität der Mitarbeiter zu steigern."

Zeitleiste für die SD-WAN-Einführung.
Zeitleiste für die SD-WAN-Einführung.
(Bild: Vertical systems Group)

SD-WAN als agile Option

Mike Frane ist Vice President Product Management bei Windstream Enterprise, das Sicherheit und Managed-Services für Unternehmen anbietet. Er stimmt zu, dass Netzwerke und Konnektivität heute wichtiger denn je sind: „Wir haben gesehen, dass viele Kunden ihre Projekte beschleunigt haben, um die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu liefern, von der sie wussten, dass sie sie brauchen würden, um die vor ihnen liegenden unsicheren Zeiten zu überstehen. Ich habe in der letzten Hälfte des Jahres 2020 eine Wiederbelebung beobachtet und unsere Anfragen und Verkäufe von SD-WAN nehmen weiter zu. Kunden sehen SD-WAN als eine sehr agile Option, mit der sie ihr Netzwerk und ihre Bandbreite anpassen können, wenn sie ihre Geschäfts- und Betriebsmodelle ändern. Die Kunden werden nach einer Netzwerklösung suchen, die einfach Flexibilität und Zuverlässigkeit für ihre physischen Standorte bietet."

Frane glaubt jedoch, dass das Business und nicht die IT-Abteilungen der treibende Faktor für die Transformation des Netzwerks sein wird: „Es werden die Unternehmen sein, die aus der Netzwerkperspektive die Richtung vorgeben. Das Betriebsmodell sowie die Art und Weise, wie sie ihre Kunden erreichen, werden sich in Zukunft verändern."

Nagaraj von Aryaka stellt die Position von Frane infrage: „Sicher, die Unternehmen brauchen die Transformation, aber woher soll das Geld kommen? Ich denke, es muss von der IT-Abteilung kommen, die mit kreativen Ideen aufwartet, wie sie die Bedürfnisse der Unternehmen wirklich transformieren kann. So ist mein Eindruck."

In beiden Fällen müssen die Service-Provider mit Unterstützung der Hersteller Unternehmen helfen, bei denen MPLS immer noch das VPN der Wahl ist. MPLS mag zwar etwas unflexibel sein, aber auf der positiven Seite erfüllt es die „Fünf-Neunen"-Anforderungen, die viele Unternehmen für ihre Anwendungen haben. Was ist zu tun, um diesen Anwendern von MPLS dabei zu unterstützen, weiterzumachen?

Herausforderungen für Managed-Service-Provider.
Herausforderungen für Managed-Service-Provider.
(Bild: Vertical systems Group)

Langes Beharrungsvermögen

„Die Realität auf dem Markt ist, dass MPLS einen langen Nachlauf hat", erläutert Frane von Windstream Enterprise. „Es gibt immer noch Kunden, die für das Funktionieren bestimmter Anwendungen auf TDM-Verbindungen angewiesen sind. Und dafür gibt es viele Gründe. In einigen Branchen kann das regulatorische Umfeld den Einsatz von MPLS erforderlich machen. Außerdem wurden einige Anwendungen speziell für den Betrieb über das MPLS-Netzwerk entwickelt und lassen sich möglicherweise nicht ohne Weiteres in die Cloud übertragen. In anderen Bereichen gibt es vielleicht eine starke emotionale Bindung an die Art und Weise, wie das Netzwerk immer funktioniert hat. MPLS wird es nach für eine lange Zeit geben."

Es gibt, glaubt Frane, keinen einfachen Schalter für den Umstieg, nicht zuletzt, weil Migrationen sorgfältige Planung und Zeit für die Ausführung erfordern: „Es geht nicht nur darum, einfach eine Netzwerktechnologie gegen eine andere auszutauschen", betont er. „Es kann auch eine Änderung der Denkweise, des Anwendungsmodells und in einigen Fällen auch des Betriebsmodells des Unternehmens erfordern. Es gibt eine wachsende Bequemlichkeit bei Unternehmen und Organisationen, zu einem Internet-Modell mit SD-WAN als Overlay zu wechseln, aber wir sehen immer noch, dass das vorherrschende Modell ein hybrides mit MPLS ist."

„Der König ist tot, es lebe der neue König", ergänzt Nagaraj von Aryaka. „Was MPLS den Unternehmen brachte, war Zuverlässigkeit, Stabilität, Qualität und Sicherheit. Und so bleibt das hybride Netzwerk bestehen. Aber was MPLS umbringt, ist, dass man nicht jedem eine MPLS-Verbindung ins Haus legen kann. Die Heimarbeiter werden 40 Prozent der gesamten Arbeitsstunden ausmachen. Sie müssen also diese 40 Prozent in Ihr Netzwerk einbinden, und ich denke, das ist genau der Punkt, mit dem MPLS im Moment kämpft. Das bedeutet, dass die Welt jetzt auf ein neues Netzwerk umsteigen muss."

Toh von Tata Communications weist darauf hin, dass die Migration in den verschiedenen Unternehmen natürlich unterschiedlich schnell erfolgen wird: „Einige werden ziemlich aggressiv beginnen und zu 80 oder 90 Prozent in die Cloud gehen. In dieser Situation wird das hybride Netzwerk viel weniger MPLS enthalten. Der Grund, warum MPLS beibehalten wird, ist, dass einige Anwendungen immer noch sehr empfindlich auf Jitter und Latenz reagieren. Wenn Sie einen global verteilten Betrieb haben, können Sie nicht einfach auf das Internet umschalten und hoffen, dass alles perfekt funktioniert. Ich werde MPLS für meine Kunden nicht aktiv abschaffen, aber wenn sie bereit sind und die Agilität suchen, dann wird das SD-WAN sein – plus eine Mischung aus Underlay, was wahrscheinlich mehr Internet plus MPLS ist."

Frei von Legacy-Zwängen

Wie sind also die Erfahrungen derjenigen, die den Wechsel vollzogen haben und nun frei von Legacy-Zwängen sind? Stellen sie zum Beispiel Kosteneinsparungen nach einem Wechsel von MPLS zu SD-WAN fest?

„Es gibt einen großen Hype bei den Anbietern darüber, wie viel sich mit SD-WAN einsparen lässt", räumt Frane von Windstream Enterprise ein. „In der Realität stellen wir fest, dass die Kunden ungefähr das Gleiche oder vielleicht sogar ein bisschen mehr ausgeben, und das Gespräch dreht sich eigentlich um den Mehrwert, den sie durch den Wechsel von einer 100-MB-MPLS-Verbindung hin zu SD-WAN mit vielleicht 50-Mbit-Ethernet und einer Breitbandverbindung erhalten. Es wird ungefähr das Gleiche kosten, aber der Anwender hat zehnmal mehr Download als vorher. Zudem ist die Ausfallsicherheit integriert und die dynamische Multipath-Optimierung sorgt dafür, dass die Anwendungen besser laufen."

„Das Wichtigste, was bei einem Wechsel von MPLS zu beachten ist, ist in meinen Augen die Sicherheit", sagt Nagaraj von Aryaka. „Hier gibt es viele Quacksalber. Aber leider sind die Folgen sehr schwerwiegend."

Die vielleicht bedeutendste Auswirkung der aktuellen Übergangsphase ist, dass sich die Topologie des Netzwerks verändert hat, meint Nagaraj. „Das WAN ist jetzt das Zentrum des Unternehmensgeschäfts. Das liegt zum Teil an der Heimarbeit. Als CEO eines Unternehmens sind Sie jetzt in der Lage, das Business viel gezielter umzugestalten als früher, weil Sie die Tools haben, um die Struktur des Unternehmens wirklich zu transformieren."

Die Betriebsmodelle in allen Branchen haben sich in den letzten 12 Monaten dramatisch verändert, stimmt Frane von Windstream Enterprise zu. „SD-WAN und Cloud-Security werden Unternehmen die Möglichkeit geben, sich an die neue Normalität der Unsicherheit anzupassen. Was auch immer mit den Verschiebungen in der Belegschaft passiert, es wird immer noch Konnektivität zu Hause und Konnektivität in den Zweigstellen benötigt werden. Es ist kein Entweder-oder-Modell, das in Zukunft gilt. Vielmehr wird alles in vielerlei Hinsicht komplexer für das Unternehmen zu managen sein."

Über den Autor

Guy Matthews ist Redakteur bei NetReporter, einem Blog von NetEvents.

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