Green VoIP – Mythos und Wirklichkeit, Teil 1

Das Image der IP-Telefonie – zwischen Klimakiller und Umweltretter

31.10.2008 | Autor / Redakteur: Dr. Michael Wallbaum und Dr. Frank Imhoff / Andreas Donner

Mythos oder Wahrheit: ComConsult zeigt was wirklich dran ist am Thema „Green VoIP“; Quelle: Alberto Brandi - Fotolia.com
Mythos oder Wahrheit: ComConsult zeigt was wirklich dran ist am Thema „Green VoIP“; Quelle: Alberto Brandi - Fotolia.com

Auch die Hersteller stiften Verwirrung

In ähnlicher Weise verbreiten sich auch die mündlichen Aussagen von Vertriebsmitarbeitern. Beispielsweise suggerieren derzeit einige Cisco Account Manager, dass Cisco-Telefone an den eigenen Access Switchen weniger Strom verbrauchen. Elektrotechnisch nicht vorbelastete Kunden nehmen dies leicht für bare Münze – ist doch klar, dass homogene Systeme optimiert sind, wieso nicht auch beim Stromverbrauch. Oder?

Um die Dramatik weiter zu steigern wird schließlich mit Strompreisen kalkuliert von denen RWE und E.ON nur träumen können. Alcatel-Lucent treibt es in einer ComConsult vorliegenden Präsentation mit satten 0,22 €/kWh auf die Spitze. Wer diesen Preis bezahlt, sollte dringend seinen Stromanbieter wechseln, bevor er den Verbrauch seiner TK-Anlage optimiert. Denn Tarife für Gewerbekunden liegen momentan bei rund 0,12 €/kWh.

Bei Unternehmenskunden sorgt diese Diskussion jedoch inzwischen für eine starke Verunsicherung. Das Ziel dieses Artikels ist es, zu einer Versachlichung der Debatte beizutragen und einige Grundfragen auf Basis des aktuellen Stands der Technik zu klären. Dabei werden die sieben wichtigsten derzeit kursierenden „Mythen“ aufgegriffen.

Mythos 1: IP-Telefonie ist weniger energieeffizient als konventionelle/hybride Lösungen

Die Kernaussage des viel zitierten VAF-Reports ist in der Tat, dass eine VoIP-Lösung immer mehr Strom verbraucht als eine konventionelle Telefonanlage. Dies erscheint allein aufgrund der Tatsache plausibel, dass mit dem Session Initiation Protocol (SIP) die „Intelligenz“ weg von zentralen Komponenten hin zu den Endgeräten wandert und damit auch vielfach repliziert werden muss. IP-Telefone verfügen zudem häufig über größere Farbbildschirme und die Möglichkeit Applikationen zu installieren.

Die Frage lautet damit eigentlich nicht ob sondern wie viel mehr Strom eine IP-Lösung im Vergleich zur klassischen TDM-Lösung verbraucht.

Der VAF-Report beantwortet diese Frage eindeutig zugunsten der TDM-Technologie. Im Wesentlichen sagen die in Tabelle 1 zusammengefassten Ergebnisse aus, dass VoIP mit Hardphones die Stromkosten der IT-Abteilungen um mindestens ein Drittel erhöht.

Wenn man die Studie etwas genauer liest, fallen jedoch folgende Merkwürdigkeiten auf:

  • Es wird von einem separaten physikalischen IP-Netz für VoIP ausgegangen
  • Es werden unmotiviert Server und Laptops in die Berechnung eingebracht deren Aufgaben im TK-Kontext unklar sind
  • Der Verbrauch der zentralen VoIP-Server ist für die betrachteten Szenarien ungewöhnlich hoch
  • Für alle Switches wurde beim Verbrauch die maximale Leistungsaufnahme der Netzteile zugrunde gelegt
  • Die konventionellen und hybriden TK-Anlagen verbrauchen auffallend wenig Strom
  • Die Stromversorgung konventioneller Endgeräte wird nicht berücksichtigt

Diese Ungereimtheiten sind durchgehend dazu geeignet, die Stromkosten für IP-Lösungen in die Höhe zu treiben und die Kosten für TDM-Lösungen klein zu rechnen. Legt man nämlich realistische Werte für die Leistungsaufnahmen der Endgeräte und PBXen zugrunde, so ergibt sich ein deutlich anderes Bild.

weiter mit: Orientierungswerte für den Verbrauch von TDM- und Hybrid-Anlagen

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