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Wirtschaftsspionage und Sicherheitsparadigmen Big Brother ist ein Fan von Cloud-Computing

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

George Orwell schrieb „1984“ als Warnung, nicht als Anleitung. Wobei der Überwachungsapparat der Geheimdienste 2013 anders funktioniert als im Buch. Subtiler und mit weniger Zwangsmaßnahmen. Aber die Paradigmen über „sichere Daten“ bröckeln dahin, seit offen über mögliche Wirtschaftsspionage debattiert wird.

Firmen zum Thema

Der virtuelle Big Brother hat in der IT-Branche viel Porzellan zerschlagen.
Der virtuelle Big Brother hat in der IT-Branche viel Porzellan zerschlagen.
(© Mike Kiev - Fotolia.com)

Sollen sie doch überwachen – ich habe nichts zu verbergen! So fragwürdig diese Denke auch sein mag, so ist sie doch ziemlich weit verbreitet; wahrscheinlich um die gedankliche Komfort-Zone nicht verlassen zu müssen.

Seitdem im Rahmen der Geheimdienst-Skandale rund um Prism und Tempora aber auch offen über mögliche Wirtschaftsspionage-Delikte diskutiert wird, hat es so manchen Unternehmer und IT-Manager aus der Komfort-Zone herausgeschleudert. Verschwörungstheorien (ein Totschlagargument) wurden in weiten Teilen Realität und auch wenn Experten Hochkonjunktur haben, die „es schon immer wussten“ – Whistleblower Edward Snowden hat Paradigmen ins Wanken gebracht.

Welt ohne Konturen

Immerhin wird die digitale Datensammelwut der Geheimdienste nun nicht mehr nur mit dem Schlagwort „Terrorismusbekämpfung“, sondern auch mit Spionage-Aktivitäten (militärisch und wirtschaftlich) in Verbindung gebracht. Doch wie und in welchem Ausmaß setzen sich Nachrichtendienste auch für den wirtschaftlichen Erfolg inländischer Unternehmen ein? Die Welt der Schlapphüte ist naturgemäß keine, die von außen betrachtet klare Konturen erkennen lässt. Möglich ist vieles. Die Namen großer Cloud-Provider sind jedenfalls bereits im Kontext der Geheimdienst-Zusammenarbeit gefallen. Es stellen sich daher mehr oder weniger offen Fragen wie: Sind meine Daten sicher in Public-Clouds? Wird mein Unternehmen ausspioniert?

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über den „Selbstbedienungsladen Bundesrepublik“.

BITMi warnt

Die dreiste Überwachung digitaler Kommunikation und Daten verschlägt vielen die Sprache.
Die dreiste Überwachung digitaler Kommunikation und Daten verschlägt vielen die Sprache.
(© viz4biz - Fotolia.com)
Über Jahre haben sich die Geheimdienste fremder Staaten hemmungslos an den Daten deutscher Bürger und Unternehmen bedient, schreibt beispielsweise der Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (BITMi). „Der Schaden für die Wirtschaft ist überhaupt nicht abzusehen, das Vertrauen in die Aufrichtigkeit unserer Freunde und europäischen Nachbarn nachhaltig beeinträchtigt.“ Michaela Merz, IT-Sicherheitsexpertin des Verbandes findet klare Worte: „Deutschland ist besonders anfällig für solche Spionageaktionen. Unsere Wirtschaft ist sehr stark von ausländischen Technologien abhängig und wir wissen nicht, ob und welche Hintertüren noch in häufig benutzten Soft- und Hardware-Produkten eingebaut sind.“

Umdenken angestoßen

Woran zeigt sich das Umdenken beim Thema Wirtschaftsspionage? Seit den 70er Jahren betrafen Gerüchte und Mutmaßungen dazu vor allem das Spionagenetzwerk Echelon, welches Nachrichtendiensten der USA, Großbritanniens, Australiens, Neuseelands und Kanadas zugeordnet wird. 2001 wurde dessen Existenz in einem Paper der Europäischen Kommission bestätigt.

Im Jahre 2004 musste als Konsequenz eine NSA-Einrichtung im bayerischen Bad Aibling wegen des begründeten Verdachts auf Wirtschaftsspionage nach einer entsprechenden Empfehlung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses die Pforten schließen. Danach ist es ruhiger rund um das Thema Industrie- und Wirtschaftsspionage geworden. Irgendwann war dieses Thema für viele wieder „Verschwörungstheorie“.

Bis Edward Snowden auspackte und glaubhafte Details zu den Nachfolgeprogrammen der USA und Großbritanniens publik machte.

Öffentliche Wahrnehmung

Seither sind Mainstream-Medien voll von dem Thema. Welt-Online berichtet beispielsweise im Artikel „Die anderen schnüffeln – Deutschland schaut nur zu“ vom „Selbstbedienungsladen Bundesrepublik“ dahingehend, dass im Gegensatz zum Bundesnachrichtendienst (BND) die ausländischen Geheimdienste von beispielsweise China, Russland und den USA „ausdrücklich die Lizenz zur Wirtschaftsspionage“ haben.

Daher gehe es nicht nur um die vieldiskutierte Privatsphäre, nicht nur um militärische Sicherheitsaspekte, sondern auch um „Geld, Arbeitsplätze und Standortsicherheit“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über die großen Brüder und die Veränderungen im Problembewusstsein innerhalb der IT-Branche.

Die großen Brüder

Auch in der Anne-Will-Sendung (ARD) vom 3. Juli dieses Jahres mit dem Titel „Deutschland bespitzeln, Snowden verfolgen – sind diese Amerikaner noch unsere Freunde?“ erfuhr ein breites Publikum, dass die ewigen Mahner, die vor den Enthüllungen meist nicht so ernst genommen wurden, schlichtweg recht hatten.

Die Informatikerin und ehrenamtliche Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), Constanze Kurz, wies in dieser Sendung mehrfach darauf hin, dass die Privatsphärenverletzungen nur ein Aspekt von Überwachungsprogrammen wie Prism und Tempora seien. Es gehe auch um handfeste Industrie- und Wirtschaftsspionage.

Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet Hintergründe und technische Details über „Die großen Brüder“ im „Chaos-Radio“ – einem Podcast mit Experten aus dem Umfeld des CCC.

Kurzum: Das Thema ist „draußen“. Dass im großen Maßstab digitale Wirtschafts- und Industriespionage betrieben wird, kann nicht mehr ernsthaft bestritten werden.

Problembewusstsein

Bei so manchem mittelständischen Unternehmer in Deutschland, ja sogar bei so manchem Großunternehmen klingeln vor dem Hintergrund der geänderten öffentlichen Wahrnehmung erst jetzt die Warnglocken. Webinar- und Veranstaltungsangebote von Sicherheits-Spezialisten ziehen mit den Begriffen „Prism“ und „Tempora“ bereits viel Publikum an.

Auch der Netzwerkkomponenten-Hersteller Lancom, der zweieinhalb Jahre und fast eine Million Euro in eine BSI-Zertifizierung (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) für VPN-Router (Virtual Private Network) investiert hat, wird wohl vom neuen Problembewusstsein profitieren.

Das Kredo lautet Private- statt Public-Cloud, interne statt externe Datenhaltung, verschlüsselter statt unverschlüsselter Datenverkehr und Zertifizierungen für Backdoor-freie Geräte. Dieser Ansatz ist sicherlich sehr sinnvoll.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die warnen, dass es für elektronische Daten niemals vollständige Sicherheit geben könne. Im oben genannten Welt-Artikel rät beispielsweise Klaus-Dieter Matschke, geschäftsführender Gesellschafter des Sicherheits-Consulting-Unternehmens KDM Group, zu persönlichen Gesprächen oder dem Postweg für wirklich geheime Angelegenheiten.

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