European Aviation Network bringt Internet in die Luft

Nokia testet Flugzeug-LTE auf Autobahn

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Andreas Donner

Kompakt, leicht und beinahe zu übersehen: Das Onboard Equipment wiegt 200 Kilogramm weniger als traditionelle Lösungen und taugt damit auch für kleinere Jets.
Kompakt, leicht und beinahe zu übersehen: Das Onboard Equipment wiegt 200 Kilogramm weniger als traditionelle Lösungen und taugt damit auch für kleinere Jets. (Bild: Srocke)

Die Zukunft des Fliegens passt in eine graue Großraumlimosine, die derzeit im Stuttgarter Umland ihre Testrunden dreht. Im Van verbaute LTE-Technik soll bereits 2017 Flugzeuge über Europa mit schnellem und kostengünstigen Internet versorgen.

Von außen deutet wenig darauf hin, dass in dem silbergrauen Mercedes Viano zukunftsträchtige Mobilfunktechnik für Passagierflugzeuge steckt. Auffallend wirken höchstens die vorn und hinten angebrachten Schilder mit der Aufschrift „Messfahrzeug“ sowie eine provisorisch mit Magneten auf dem hinteren Fahrzeugdach platzierte Antenne. Die ist per Kabel mit einem kompletten Onboard Equipment (OBE) im Kofferraum verbunden, das die Verbindung zu den testweise von Nokia installierten Makrozellen in der Region um Stuttgart hält.

Als Teil eines hybriden European Aviation Network (EAN) werden solche Zellen künftig Flugzeuge vom Boden aus mit Internetzugängen versorgen. Genutzt wird dabei eine von LTE abgeleitete Technik, die auf die speziellen Erfordernisse der Luftfahrt angepasst wurde: Funkzellen decken Radien bis zu 150 Kilometer ab, Dopplereffekte bei der Kommunikation mit bis zu 1.200 km/h schnellen Flugzeugen werden berücksichtigt und ausgeglichen.

Blick in den Kofferraum: Die Kiste unter dem OBE verbirgt kein Geheimnis, sondern die Stromversorgung.
Blick in den Kofferraum: Die Kiste unter dem OBE verbirgt kein Geheimnis, sondern die Stromversorgung. (Bild: Srocke)

Hybride Lösung mit Bodenstationen und Satellit

Hinter dem EAN stehen neben den Technologiepartnern Nokia und Thales auch Netzbetreiber Deutsche Telekom und Satellitenexperte Inmarsat. Der ergänzt die Mobilfunkinfrastruktur am Boden mit einer Gegenstelle im All. Der S-Band-Satellit soll die Kommunikation über dem Meer übernehmen, wenn Flugzeuge die LTE-Sender auf dem Festland also nicht erreichen können.

Verglichen mit der Hardware für traditionelle Satellitenlösungen beanspruche das EAN-Equipment an Bord eines Flugzeugs deutlich weniger Platz und Gewicht. Nokia verspricht eine Ersparnis von etwa 200 Kilogramm. Damit lasse sich die Lösung auch in kleinere Flugzeuge implementieren.

Tests in Düsenjet und Mercedes-Van

In genau solch einem zweistrahligen Geschäftsreiseflugzeug haben die Partner bereits einen erfolgreichen Probeflug über Großbritannien durchgeführt. Bei dem im November 2016 durchgeführten Test mit einer Dassault Falcon 20 wurde die Leistung der von Thales bereitgestellten Bordausrüstung ebenso getestet, wie das von Telekom und Nokia betriebene Bodennetz. Ergebnis: Bei zahlreichen Übergängen zwischen Sektoren und Mobilfunkstationen seien die Verbindungen stets stabil geblieben.

Für ausgesuchte Journalisten haben Nokia und Telekom dieses Szenario im Dezember 2016 am Boden nachgestellt. Die Rolle des Flugzeuges übernahm dabei der eingangs erwähnte Mercedes-Van, der sich mit einer Spitze von immerhin 130 km/h auf der A81 und zwischen verschiedenen Zellen bewegte. Wie später im Flugzeug, wurde die OBE dabei mit einem Hotspot gekoppelt, der die Pressevertreter im Fond mit WLAN versorgte.

Durchsätze bis zu 75 Mbit/s

Journalisten auf Testfahrt: Die Anbindung taugte für Videokonferenzen, Surfen und Apps. Der Bildschirm am Fenster lieferte Details zum aktuellen Verbindungsstatus.
Journalisten auf Testfahrt: Die Anbindung taugte für Videokonferenzen, Surfen und Apps. Der Bildschirm am Fenster lieferte Details zum aktuellen Verbindungsstatus. (Bild: Srocke)

Durchsatzmessungen per speedtest.net erzielten dabei Werte von über 36 Mbit/s – aufgrund mehrerer gleichzeitig verbundener Geräte darf diese Zahl freilich nur als Größenordnung gelten. Im Produktivbetrieb sollen die LTE-Zellen Latenzen deutlich unter 100 ms und Bandbreiten mit bis zu 75 Mbit/s erreichen; pro Zelle sollen sich gleichzeitig nie mehr als drei bis vier Flugzeuge bewegen, die sich jene Bandbreite teilen müssen.

Auf veränderte Verkehrsverhältnisse wird sich die Air-to-Ground-Lösung übrigens vergleichsweise bequem anpassen lassen, denn zusätzliche Kapazitäten am Boden sind leichter bereitgestellt als Satelliten ins All geschossen. Nichtsdestotrotz ist der von Inmarsat betriebene Satellit essentieller Bestandteil der hybriden Infrastruktur. Das hat einerseits regulatorische Gründe: Die Lösung funkt komplett unabhängig von irdischen LTE-Netzen im S-Band. Andererseits ist der Satellit Voraussetzung für eine flächendeckende Internetversorgung in der Luft.

Dem entsprechend fiebern auch die Mitarbeiter von Telekom und Nokia dem für 2017 geplanten Start des Inmarsat-Himmelskörpers entgegen – ohne diesen wird auch das EAN nicht kommerziell abheben. Geht alles nach Plan, kann British Airways jedoch schon in diesem Jahr als „Launch Airline“ erste Internetzugänge über die Lösung anbieten.

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