Status und Planungsansätze von IPv6

IPv6 – Ignorieren (fast) unmöglich

| Autor / Redakteur: Thomas Bär, Frank-Michael Schlede / Andreas Donner

IPv6, die neue Version des IP-Protokolls, erhöht in erster Linie die Anzahl möglicher Geräte – und zwar drastisch.
IPv6, die neue Version des IP-Protokolls, erhöht in erster Linie die Anzahl möglicher Geräte – und zwar drastisch. (Bild: © - photon_photo – Fotolia.com)

IPv6 kommt! Diese Aussage hören IT-Verantwortliche schon eine ganze Weile und doch arbeitet ein Großteil der Firmen noch mit IPv4. Die oft beschworene Unterversorgung mit Netzwerkadressen lässt scheinbar ebenfalls auf sich warten.

Der amerikanische Schriftsteller William Gibson hat den Spruch „The future is here. It is just not evenly distributed yet“ geprägt. Auch wenn er sich damit bei aller Technikaffinität sicher nicht auf die Verbreitung von IPv6 bezogen hat, könnte die Situation des „neuen“ Netzwerkprotokolls nicht besser beschrieben werden: Die Zukunftstechnik ist da, sie ist nur noch nicht sonderlich gleichmäßig verbreitet.

Cisco hat mit seiner Webseite zum Thema „Global IPv6 Adoption“ Verbreitung und Einsatz des Protokolls im Blick. Im weltweiten Vergleich steht Deutschland mit 50 Prozent bei der Bereitstellung von IPv6 nicht so schlecht da.
Cisco hat mit seiner Webseite zum Thema „Global IPv6 Adoption“ Verbreitung und Einsatz des Protokolls im Blick. Im weltweiten Vergleich steht Deutschland mit 50 Prozent bei der Bereitstellung von IPv6 nicht so schlecht da. (Bild: Cisco)

Wer sich im World Wide Web auf verschiedenen Seiten zum Thema Netzwerken umschaut, wird immer wieder auch Experten finden, die vehement die Meinung vertreten, dass die Aufregung um den Mangel an (IPv4-)Netzwerkadressen übertrieben und unnötig sei. Häufig wird dabei auch das Argument aufgeführt, dass der Mangel an IPv4-Adressen uns nun schon seit mehr als zehn Jahren angedroht wird, dass sich so etwas aber auch weiterhin leicht mithilfe von Techniken wie NAT (Network Address Translation) lösen lasse. Wir haben zu dieser Thematik ganz aktuell beim deutschen Provider 1&1 nachgefragt und wollten wissen, wie es denn so aussieht mit den IPv4-Adressen aus Sicht des Providers – wie ernst ist der Mangel wirklich?

Die Antwort war zunächst einmal beruhigend: Die Experten versicherten uns, dass IPv4-Adressen zwar nach wie vor zur Verfügung stünden, dies allerdings nur in einem sehr begrenzten Maße der Fall sei. Deshalb müssten die Provider, so die weitere Aussage von 1&1, damit haushalten, um in der Übergangsphase zu IPv6 einen reibungslosen Betrieb sicherstellen zu können. Verbunden mit dieser Feststellung war auch gleich ein Tipp an die Anwender: Für sie ist eine Vorbereitung in Bereichen außerhalb der Reichweite ihrer Provider – also in der eigenen IT-Infrastruktur dringend angeraten.

Vorteile nur für ISPs und große Unternehmen?

Google überprüft laufend, welcher Anteil der Nutzer weltweit auf die Webseite mittels IPv6-Verbindung zugreift. Ende 2016 waren es laut dieser Statistik über 12 Prozent.
Google überprüft laufend, welcher Anteil der Nutzer weltweit auf die Webseite mittels IPv6-Verbindung zugreift. Ende 2016 waren es laut dieser Statistik über 12 Prozent. (Bild: Google)

Google wertet statistisch aus, wie viele Nutzer via IPv6 auf die Google-Seiten zugreifen. Ganz aktuell (Dezember 2016) gibt der Konzern weltweit dafür einen Wert von über 12 Prozent an, für Deutschland gibt Google den Anteil der IPv6-Einführung sogar mit ca. 27 Prozent an. Aber nicht nur Google, sondern auch andere Dienste wie Facebook und große Anbieter und Firmen im Internet sowie die meisten Internet Service Provider haben die Umstellung auf IPv6 zumindest in ihren internen Netzwerken bereits vollzogen – sind sie doch die Nutzer, die zuerst und am nachhaltigsten Probleme durch nicht mehr vorhandene IPv4-Adressen bekommen. Die meisten deutschen Provider stellen ihren (Neu-)Kunden aktuell mindestens eine IPv4/IPv6- Dual-Stack-Lösung zur Verfügung. So bestätigte uns auch 1&1, dass die Umstellung von IPv4 auf IPv6 schon seit mehreren Jahren läuft. Für die Provider ist es also fast schon selbstverständlich, dass sie ihren Kunden auch IPv6- Anbindungen zur Verfügung stellen können. Dabei ist die große Skalierbarkeit der IPv6- Infrastruktur sicher ein weiterer wichtiger Grund für die ISPs und Provider, jetzt schon auf diese Technik zu setzen.

Doch wie sieht es für kleinere Unternehmen aus? Lohnt es sich für sie überhaupt, über einen solchen Umstieg nachzudenken? Auch bei diesen Unternehmen nimmt die Zahl der Endgeräte, die mittels IP kommunizieren, stetig zu und gerade der Boom mobiler Geräte wird nicht so bald enden. Die Nutzer wollen immer und überall auf die Daten und Anwendungen ihrer Firma mit jedem Gerät zugreifen. Gerade diese steigende Zahl mobiler Geräte wird häufig als Grund für den Einsatz von IPv6 genannt. Wer sich mit Administratoren unterhält, wird aber schnell feststellen, dass sie es aktuell durchaus noch schaffen, die mobilen Geräte mittels privater IPv4-Adressen und mithilfe von NAT- und Tunneltechniken sicher mit dem eigenen Netzwerk zu verbinden. Aber die Zahl vernetzter Geräte wird weiter wachsen und die Anzahl der Anwendungen, die Peer-to-Peer-Verbindungen nutzen (z.B. Videokonferenzsysteme), wird ebenfalls stetig steigen.

So sehen dann auch die Experten von 1&1 den Fortschritt, der mit einer Umstellung auf IPv6 einhergeht, nicht mit der Beseitigung der Knappheit bei den IP-Adressen ausgereizt. Sie heben hervor, dass Dienste auf diese Weise sehr viel schneller und einfacher zugänglich gemacht werden können und feste IP-Adressen in deutlich größerer Anzahl zur Verfügung stehen, was dann wiederum variable Lösungen in manchen Fällen obsolet macht. Dabei sind das IoT (Internet of Things) und Big Data zwei bedeutende Beispiele, die derzeit noch vom Mangel an freien IPv4-Adressen in ihrer Entwicklung gebremst werden. Mit diesen vielen Geräten werden NAT-Netzwerke dann nämlich immer komplexer und auch deutlich unsicherer. Mobilität, Kollaborationslösungen aller Art und die Kommunikation mit vielfältigen Endgeräten können mit einem IPv6-Netzwerk deutlich einfacher und stringenter werden.

Fazit: Ignoranz kann zu Problemen führen

IT-Verantwortliche in den Unternehmen, aber auch deren IT-Fachleute sollten den Gedanken an eine Umstellung auf IPv6 nicht länger beiseiteschieben. Dazu gehört neben einer Planung für einen derartigen Umstieg vor allen Dingen das Einbeziehen dieser Technik in künftige Entscheidungen. Das gilt vor allem bei Neuanschaffungen von Netzwerkhardware wie Switches und Router, aber auch für die eingesetzte Software bis hin zu den verwendeten Betriebssystemen. Zwar unterstützen sowohl aktuelle Windows- als auch Linux- oder OS-X-Betriebssysteme IPv6 mittels eines Dual-Stack-Ansatzes. Doch gilt es hier, die IT-Mannschaft für die Umstellung auf der Netzwerkebene der Betriebssysteme ebenfalls fit zu machen.

Beim Umstieg auf IPv6 sollten IT-Verantwortliche auch den Einsatz eines IPAM-Werkzeugs (wie hier als Server-Rolle des Windows Server 2012 R2) ernsthaft in Erwägung ziehen.
Beim Umstieg auf IPv6 sollten IT-Verantwortliche auch den Einsatz eines IPAM-Werkzeugs (wie hier als Server-Rolle des Windows Server 2012 R2) ernsthaft in Erwägung ziehen. (Bild: Microsoft)

Insgesamt sollten die Verantwortlichen den Schulungsbedarf für eine solche Umstellung nicht unterschätzen: Konnten beispielsweise gerade Administratoren in kleineren Unternehmen die Zuteilung von IP-Adressen sowie deren Überwachung bisher „von Hand“ vornehmen – wobei in der Praxis hierzu immer noch sehr häufig eine Excel-Tabelle zum Einsatz kommt – ist das mit IPv6 schon allein wegen der sehr langen 128-Bit-IP-Adressen kaum noch möglich. Eine IPAM-Lösung (IP Address Management) sollte dann auf jedem Fall Teil der Administratorwerkzeuge sein. Moderne Server, wie der Windows Server 2012 R2, stellen ein solches Werkzeug als Server-Rolle bereit.

Wer es jetzt versäumt, sich auf eine Umstellung seiner Netzwerkinfrastruktur hin zu IPv6 vorzubereiten und IPv6 auch schon im Probebetrieb einzusetzen, beraubt sich möglicherweise eines großen Vorteils: Solange ein Parallelbetrieb von IPv4 und IPv6 möglich ist, steht die alte IPv4-Infrastruktur immer noch als funktionierendes Backup bereit, wenn mal etwas mit der Implementierung nicht so klappt, wie geplant. Muss die IT erst die gesamte Infrastruktur zwingend und komplett umstellen, wird es deutlich schwieriger, Fehler im laufenden Betrieb auszumerzen. Das ist ein weiterer Grund, warum diese Technik nicht länger ignoriert werden, sondern die gesamte IT-Mannschaft mit der Planung und anschließenden Einführung von IPv6 nun starten sollte. Für kleine Betriebe aus dem KMU-Umfeld kann es dabei sehr sinnvoll sein, ein entsprechend erfahrenes Systemhaus an der Seite zu haben, das diesen Umstieg plant und begleitet.

IPv6 steht auch im Fokus des eBooks „IPv6 – Status quo und Handlungsempfehlungen“. Der Ratgeber befasst sich auf 15 Seiten grundsätzlich mit diesem Thema, beschreibt den Umstieg und erörtert, welche zukünftigen Techniken und Entwicklungen von IPv6 profitieren können.

Das eBook „IPv6 – Status quo und Handlungsempfehlungen“ steht registrierten Lesern von IP-Insider ab sofort kostenfrei zum Download zur Verfügung. Eine Registrierung ist ebenfalls kostenfrei möglich und erlaubt auch den Zugriff auf alle bisher erschienenen und zukünftigen eBooks sowie auf alle anderen registrierungspflichtigen Inhalte unseres Portals.

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26.07.16 - Mindestens ebenso oft, wie IPv6 als die neue Basis des Internets bezeichnet wurde, haben Fachleute, Analysten und Netzwerkfirmen behauptet, dass diese Technik nun endgültig IPv4 ablösen würde. Passiert ist wenig, oder? Wie sieht der Stand bei IPv6 aktuell aus und welche Gründe gibt es für IT-Verantwortliche und -Fachleute sich nun mit dieser Technik zu befassen? lesen

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