Digitalisierung: Notwendiges Übel und gewinnbringender USP

Digitale Transformation bei Automobilzulieferern

| Autor / Redakteur: Sandro Lindner, Achim Terlinden / Andreas Donner

Auch bei den Zulieferern der Automobilindustrie ist das Thema Digitalisierung angekommen.
Auch bei den Zulieferern der Automobilindustrie ist das Thema Digitalisierung angekommen. (Bild: pixel2013 - Pixabay - [gemeinfrei] / CC0)

Kein Zulieferer kann sich leisten, einen Autobauer als Kunden zu verlieren. Was der OEM in Sachen IoT, Industrie 4.0 und Digitalisierung erwartet, muss umgesetzt werden. Doch eine sinnvolle Digitalisierung hilft den Zulieferern auch dabei, ihre Position zu verteidigen, weil sie den Hersteller und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt.

Auch wenn Schlagzeilen wie „Autobauer verschlafen den BigData-Trend“, „Digitalisierung: In kleinen Schritten zum Ziel“ oder „Agile Methoden: Die Angst vor dem Wandel“ derzeit noch überwiegen mögen: Die Digitalisierung in der Automobilbranche hat gehörig an Fahrt aufgenommen – nicht nur bei den großen Herstellern, sondern insbesondere auch bei den Zulieferern.

Verwunderlich ist das nicht! Zwar wurde lange berichtet, dass insbesondere die deutschen Autobauer und Zulieferer von den Big Tech Playern und innovativen Start-ups aus dem Silicon Valley in Sachen Digitalisierung abgehängt würden. Doch auch hierzulande will sich keiner den Trends verschließen; jeder will innovativ sein bzw. wettbewerbsfähig bleiben.

Und so haben die großen deutschen Autobauer hier mittlerweile sehr stark aufgeholt: Posten wie Chief Digital Officers oder Vice Presidents Digital Strategy sowie eigene Labore, in denen oft zusammen mit Digitalisierungs-Gurus aus dem Silicon Valley agil entwickelt wird, sind dabei nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Jeder will im Kampf um Connected Cars, Elektromobilität, autonomes Fahren und Absatzzahlen langfristig ganz vorne mit dabei sein. Und dabei spielt die Digitalisierung mit all ihren Facetten mittlerweile eine wichtige Rolle und die viel zitierte „Disruption“ wird zur neuen Messlatte.

Da ist die Digitalisierung von Geschäftsprozessen einerseits – hier geht es um mehr Effizienz, höhere Margen und Kostensenkungen. Andererseits geht es um die Digitalisierung von Geschäftsmodellen, also darum, wie sich neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln lassen. Ein hohes Maß an Veränderung bringt die Digitale Transformation auch in die Software gestützten Kernprozesse wie CAD oder PLM, denn hier gilt es digitale Vernetzung und Big Data Trends mit herkömmlichen Geschäftsprozessen zu verzahnen – ohne dabei die Sicherheit außer Acht zu lassen.

Doch wie sieht es bei den Automobilzulieferern in Sachen Digitalisierung wirklich aus und welche Faktoren beeinflussen sie?

Hersteller geben den Takt vor

Das Vorpreschen der Autobauer in puncto Digitalisierung setzt viele Zulieferer unter Zugzwang – denn die Hersteller erwarten von den Zulieferern, dass diese mit den eigenen digitalen Initiativen mithalten und an diese anknüpfen können. Gibt der Hersteller beispielsweise vor, er möchte über ein gemeinsames Extranet, Videoconferencing oder sonstige Tools mit dem Zulieferer kommunizieren oder die Supply Chain, die Produktion und die Logistik an den aktuellsten ISO-Normen und Industrie 4.0-Prozessen ausrichten, dann hat der Zulieferer keine andere Wahl, als hier aktiv zu werden und sich anzupassen.

Enormes Potenzial der Digitalisierungstechnologien selbst

Die Vernetzung von Industrieanlagen ist an sich nicht neu, nur dass diese bisher über privat angemietete Netze verbunden waren. Mit Cloud Computing, gewissermaßen der Grundvoraussetzung für die Digitalisierung, dem IoT sowie immer günstigeren Kommunikationsanlagen und Geräten sind Parallelinfrastrukturen entstanden, die den etablierten Techniken in puncto Preis, Speichervolumen, Bandbreite, Skalierbarkeit und Verfügbarkeit weit überlegen sind. Denn die Datenmengen, die im Zeitalter von IoT und Big Data Analytics anfallen, sind immens.

Ausschließlich in eigenen Rechenzentren und über eigene Infrastrukturen können viele Zulieferer diese gar nicht bereitstellen. Hybride Cloud-Modelle sind hier die beste Wahl und man braucht eine offene Agenda, um nicht in den „Vendor Lock-in“ zu geraten. Darüber hinaus erlauben das IoT und Cloud Computing neue Industrieanwendungen und neue Geschäftsmodelle – also letztlich alles, was Industrie 4.0 ausmacht. Doch die Umsetzung ist gar nicht so einfach. Denn das, was jetzt über das Internet verbunden werden soll, insbesondere die Produktions- und Logistikanlagen, wurde früher bewusst ganz oder teilweise unabhängig von der restlichen Unternehmens-IT gehalten – nicht zuletzt im Sinne der Sicherheit.

Jetzt fehlt es an der Aktualität und der Kompatibilität dieser autarken Systeme mit dem Internet. Insbesondere die erhöhten Sicherheitsanforderungen smarter Produktionsanlagen und Netze sind Herausforderung und Hürde für viele Zulieferer in Bezug auf die Digitalisierung. Immer mehr Zulieferer greifen deswegen auf externe Hilfe zurück, um Schritt halten zu können. Das erfordert teilweise auch einen Wandel in neue Kooperationsmodelle und den Sprung über den eignen Schatten, denn bei Automobilzulieferern überwiegt vielfach noch die „wir machen alles selbst“-Mentalität.

Von „Do it Yourself“ zu Smart Sourcing

Bei vielen Automobilzulieferern galt jahrzehntelang das Mantra: „Das Wissen muss im Unternehmen bzw. abgeschottet und die IT eigene Kernkompetenz bleiben.“ Außer Standardsoftware wird alles hausintern entwickelt und die IT vornehmlich selbst aufgesetzt und betreut. Für viele waren dafür gute Voraussetzungen vorhanden. Denn der klassische deutsche Automobilzulieferer hatte seinen Hauptsitz und seine Produktionsanlagen oftmals in ländlichen Gebieten oder Kleinstädten und war bzw. ist dort für IT-Experten und Entwickler der Arbeitgeber der ersten Wahl.

Viele IT-Fachkräfte zog es auch wegen der guten Wohnsituation im Vergleich zu den Großstädten dorthin. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Deswegen ist das Verhältnis von Make zu Buy in der IT bei vielen Automotive Unternehmen noch 80 zu 20 Prozent. Doch IT-Fachkräfte sind heute mehr und mehr Mangelware. Das zwingt die Zulieferer zusammen mit der Digitalisierung vermehrt IT-Lösungen und -Unterstützung zuzukaufen. Doch dafür bedarf es einer Veränderung der Unternehmensmentalität bzw. -kultur, die nicht von heute auf morgen erfolgen kann – ebenso wenig, wie die Anpassung an die zunehmende Globalisierung über Nacht geschieht.

Zulieferer auf Global-Kurs

Jeder deutsche Automobilhersteller hat mittlerweile Werke in China, Südamerika, den USA oder anderen Ländern bzw. Regionen. Kein Wunder, dass die Globalisierung vor den Zulieferern nicht Halt macht! Weltweite Standorte erfordern aber deren Vernetzung untereinander und eine Ankopplung an die Netze der OEMs – und hier herrscht Kostendruck, denn der Zuliefermarkt ist global heiß umkämpft. Neue Mitarbeiter kommen dazu, sei es durch Zukäufe oder neue Niederlassungen, für die IT in enormer Geschwindigkeit und hoher Qualität bereitgestellt, gemanagt und unterstützt werden muss. Außerdem ist Industrie 4.0 ohne Internet und IoT global nicht zu bewerkstelligen. Damit steigen aber auch die Anforderungen an die Sicherheit. Denn niemand will, dass geistiges Eigentum oder ein Wissensvorsprung der Globalisierung oder der Industrie 4.0 bzw. dem IoT zum Opfer fallen.

Sicherheit – Herausforderung und Hürde

Wenn es um das Thema Sicherheit geht, tun die Zulieferer gut daran, sich an Experten zu wenden, die mit den neuen Sicherheitsherausforderungen Schritt halten können. Denn Virenscanner, Firewall, Intrusion Detection und klassisches Identity Management reichen für digitale Infrastrukturen bei weitem nicht mehr aus. Mikrosegmentierung per Software ist beispielsweise ein Mittel der Wahl, um Unternehmensnetze und hybride Cloud-Infrastrukturen vor Angriffen zusätzlich zu schützen: Sie unterteilt die Infrastruktur in Mikrosegmente, auf die nur die User einer definierten Community of Interest Zugriffsrechte haben. Der Netzwerkverkehr zwischen diesen Usern ist für Außenstehende der Community dabei nicht sichtbar, ebenso wenig wie die Clients bzw. Endpunkte. Sollte – trotz geringster Wahrscheinlichkeit – tatsächlich einmal ein Mikrosegment gehackt werden, bleibt die Attacke auf dieses Segment beschränkt.

Tatsächlich greifen Zulieferer hier vermehrt auf externe Dienstleister zurück, die mit einem globalen Footprint die weltweit erforderlichen IT- und Service-Infrastrukturen zur Verfügung stellen und dabei die nötige Ausfall- bzw. Cyber-Sicherheit bieten können. Damit will man auch einer weiteren Entwicklung entsprechen:

Manuelle Workflows werden digital – non-IT-User zu IT-Anwendern

Bei vielen Zulieferern verfügen bis dato längst nicht alle Mitarbeiter über einen vom Unternehmen zur Verfügung gestellten PC, Laptop oder ein anderes Endgerät für den täglichen Arbeitseinsatz. Sie haben vielleicht nur Zugang zu einem funktionalen Device, das einem Team zur Verfügung steht. Urlaubsanträge und Krankmeldungen erfolgen per Papier, Informationen gibt es am schwarzen Brett oder in Form von gedruckten Mitarbeiterzeitungen.

In der Produktion, im Lager oder auf dem Weg zum Hersteller begleitet oft noch Papier in Form von Frachtbriefen etc. die Prozesse. Die „Papiere“ sind dann weder für die Mitarbeiter beim Zulieferer noch beim Hersteller einfach oder schnell geschweige denn in Echtzeit nachvollziehbar. Der Trend geht aber dahin, dass auch diese bisherigen „nicht IT-Mitarbeiter“ eigene Endgeräte zur Verfügung gestellt bekommen, um beispielsweise auf Knopfdruck und in Echtzeit Auskunft über den Verbleib bzw. die Verfügbarkeit von bestimmten Teilen und deren Zustand auf dem Weg zum Hersteller erlangen oder den Überblick über einen automatisierten Produktionsprozess behalten zu können.

Und diese Mitarbeiter benötigen nun ebenfalls eine IT-Support- und Service-Struktur, die erst einmal aufgesetzt und betrieben werden muss. Diese Skalierung beim Service-Desk und Workplace-Management ist für viele Zulieferer und ihre IT-Teams eine Herausforderung – vor allem, wenn sie für mehrere weltweit verteilte Standorte erfolgen soll. Und noch etwas erfordert Digitalisierung und Veränderungen in der IT der Zulieferer: die veränderten Ansprüche der Fachabteilungen.

Die neue Rolle der IT

War es früher die IT-Abteilung, die vorgegeben hat, welche Software, Hardware etc. zur Verfügung gestellt wird, hat sich die Rolle der IT-Entscheider und -Verantwortlichen sehr stark verändert. Mit neuen Bereitstellungsmodellen durch Cloud Computing und as-a-Service-Modellen ist es für die Fachabteilungen leicht geworden, an der IT-Abteilung vorbei Software und Applikationen anzuschaffen. Trotzdem will die IT nicht links und rechts von den Fachabteilungen überholt werden.

Deswegen werden CIOs und ihre Teams immer mehr zu IT-Brokern und die Fachabteilungen zu deren internen Kunden. So brauchen die IT-Teams vor allem für das „Doing“ Hilfe von außen, während sie selbst der strategische Dreh- und Angelpunkt bleiben wollen. IT-Dienstleister mit einer starken Ausrichtung und Expertise im internationalen Service Desk- und End-User Support inklusive sämtlicher Digital Workplace-Innovationen sind deshalb für viele der Partner der Wahl, wenn es um die Entlastung der IT-Teams bei der täglichen Betreuung der End-User geht, damit dem internen IT-Team auch Zeit für Konzeption und Strategiefindung bleibt.

Fazit

Viele Herausforderungen, Entwicklungen und Trends beeinflussen die digitale Transformation bei den Automobilzulieferern. Doch eines ist klar: Sie können sich ihr nicht entziehen und rüsten sich für die anstehenden Aufgaben. Dafür ist die Fähigkeit zur Veränderung und zum Wandel heutzutage viel zu essenziell. Wichtig ist, dass der Mut und Wille zur Veränderung von der Chefetage mitgetragen wird. Nur von oben gewollt und vorgelebt, kann sie auch stattfinden. Denn Digitalisierung ist kein reines IT-Thema. Es ist eines der besten Beispiele für Business & IT-Alignment.

Sandro Lindner.
Sandro Lindner. (Bild: www.sarahkastner.de / Unisys)

Achim Terlinden.
Achim Terlinden. (Bild: Unisys)

CIOs und ihre Teams müssen sich klarmachen, was sie brauchen, um ihrer neuen Rolle und ihren internen und externen Kunden gerecht zu werden. Doch das ist bei der oftmals hohen Arbeitslast gar nicht so einfach. Deswegen tun sie gut daran, sich externe Hilfe von IT-Experten und -Dienstleistern zu holen, die ihnen Arbeit abnehmen, sie gleichzeitig strategisch beraten können und die sich mit dem neuesten Stand der Technologien, den Prozess- und Branchenanforderungen auskennen.

Klar ist dabei: Zum Nulltarif gibt es die Digitalisierung nicht. Manche Unternehmen scheuen aber die Investitionskosten. Eine mögliche Herangehensweise ist deswegen, die Digitalisierung in kleinen Schritten anzugehen – ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Lautete das Mantra der Automobilzulieferer früher „Das Wissen muss im Unternehmen bzw. abgeschottet und die IT eigene Kernkompetenz bleiben“, sollte es heute lauten: „Wir müssen die Chancen der Digitalisierung sinnvoll nutzen, damit wir im globalen Wettbewerb weiterhin die Nase vorn haben“.

Über die Autoren

Sandro Lindner ist Geschäftsführer der Unisys Deutschland GmbH und Achim Terlinden ist Industry SME Digital Transformation Automotive & Manufacturing bei Unisys.

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