Microsofts neue Lizenzmetrik im Zeichen der Virtualisierung, Teil 1

Die Tücken des Lizenz-Tunings

| Autor / Redakteur: Dr. Stefan Riedl / Andreas Donner

Passt Microsofts neue Lizenzmetrik zur schnellen Verschieberei virtueller Maschinen in Rechenzentren?
Passt Microsofts neue Lizenzmetrik zur schnellen Verschieberei virtueller Maschinen in Rechenzentren? (Bild: © Wax - Fotolia.com)

Jedes Unternehmen versucht aus legitimen wirtschaftlichen Gründen, die Ausgaben für die benötigten Software-Lizenzen so gering wie möglich zu halten. Dieses Vorhaben entpuppt sich mitunter als irgendetwas zwischen veritablem Balanceakt und „Ritt auf der Rasierklinge“. IP-Insider lud zu einem Streitgespräch zur neuen Lizenzmetrik des Windows Server 2016.

Die neue Lizenzmetrik, die mit der Einführung von Windows Server 2016 einher ging, stößt auf Kritik. Das Thema ist komplex. IP-Insider versucht zur Versachlichung der Thematik, die Positionen eines Kritikers mit langjähriger Erfahrung in der Lizenzierungsberatung mit den Standpunkten des Microsoft-Experten abzugleichen.

Sven Langenfeld ist Distribution PAM OEM und BDM Windows Server bei Microsoft Deutschland und Gründer des Windows Server Kompetenz Club.

Er stellte sich der fachlichen Kritik von Jörg Henschel, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Metrix Consulting.

Das Thema wird hier auf drei Ebenen behandelt. Zunächst wird in diesem Artikel die neue Lizenzmetrik und die vorgetragene Kritik skizziert.

Im zweiten Teil geht es um die Tücken in der Data-Center-Praxis, die – so viel sei vorweggenommen – mit Detailproblemen beim Load-Balancing und Planungssicherheit zu tun haben.

Abschließend wird im dritten Teil versucht, einen holistischen Blick auf das Thema zu werfen. Es sollen grundsätzliche Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in den Standpunkten herausgearbeitet werden. Darauf aufbauend wird ein Blick in die Zukunft der Betriebssystem-Lizenzierung gewagt.

Strittige Punkte

Laut Henschel liegt der größte Knackpunkt der neuen Core-Lizenzierung ­darin, dass die Kosten in den modernen, virtualisierten Data-Center-Realitäten von heute nicht mehr kalkulierbar seien. „Wesentliches Merkmal dieser volatilen, virtualisierten Umgebungen ist, dass die virtuellen Maschinen durch Load-Balancer vollautomatisch so verschoben werden, dass die Hardware-Auslastung optimiert wird (siehe vertiefend dazu den zweiten Teil).

Ergänzendes zum Thema
 
Welche Assets werden bei den IT-Kosten optimiert?

Die Core-Lizenzierung wird zunächst einmal deswegen kritisiert, weil es eine Mindestanzahl von 16 Kernen zur Lizenzierung vorsieht, auch wenn beispielsweise nur acht Kerne pro zu lizenzierendem Server vorhanden sind.

Doch Langenfeld weiß das zu relativieren: Beim Vorgänger „Windows Server 2012 R2“ lag das Lizenzminimum pro Server bei zwei CPUs, auch wenn der Server nur eine CPU hatte. Heute sind es 16 Kerne. Diese 16 Kerne kosten das gleiche wie seinerzeit die zwei CPUs. „Wenn wir ein neues Windows-Server-Betriebssystem rausbringen, könnten wir sagen, dass das neue Betriebssystem viel mehr als das alte kann, also machen wir es grundsätzlich teurer. Aber das haben wir nicht getan. Vielmehr haben wir gesagt, dass das Betriebssystem identisch im Preis bleiben soll“, erläutert Langenfeld.

Jörg Henschel, Geschäftsführer bei Metrix Consulting
Jörg Henschel, Geschäftsführer bei Metrix Consulting (Bild: Metrix)

Von Prozessoren zu Kernen

Worum es bei der Umstellung von der Prozessor- hin zur Kerne-Betrachtung gehe, ist laut Langenfeld im Grunde Folgendes: „Kunden, die bereit sind, in Hardware mit leistungsfähigeren Prozessoren zu investieren, haben doch etwas vor damit. Die wollen doch nicht auf gleichem Level wie bisher performen. Diese Leistungssteigerung ist mit Windows Server 2016 möglich. Nur ist es doch durchaus fair zu sagen: Wenn Du das Maximum aus modernerer Hardware herausholen willst und damit auch aus dem Server-Betriebssystem, bezahlst Du halt mehr als derjenige, der sagt: Ich möchte auf dem Level des bisherigen Standards bleiben, und das reicht mir vollkommen aus.“

„Wir haben mit Windows Server 2016 das Lizenzmodell von der Prozessor- auf eine Kerne-orientierte Lizenzierung geändert“, so der Microsoft-Manager. Der Grund liege darin, dass die Anzahl der Prozessoren keine aussagekräftige Einheit mehr für die Performance der Hardware ist. „Denn im Grunde wird aus jedem einzelnen Prozessor immer mehr rausgeholt. Um uns diesen Gegebenheiten anzupassen, wird die Performance der Hardware nicht mehr in Prozessoren, sondern in Kernen pro physischem Server abgebildet.“

Kunden können nach wie vor Hardware-seitig Vier- oder Acht-Kerne-Maschinen kaufen, aber eben auch 16 Kerne pro Prozessor und mehr. Hardware-Optimierung bedeutet in der Praxis aber tendenziell, dass immer leistungsfähigere Server angeschafft werden und beispielsweise eine Maschine das abdeckt, wofür früher drei oder vier nötig waren. „Wobei zu bedenken ist, dass in der Vergangenheit dann auch alle drei oder vier Maschinen lizenziert werden mussten, und jetzt packe ich die Lizenzkosten auf eine Maschine“, kontert Langenfeld.

Doch wie passt das zusammen? Nach der üblicherweise praktizierten Hardware-Optimierung sollen laut Henschel die Software-Kosten in die Höhe gehen, während Langenfeld betont, dass tendenziell eine geringere Anzahl an Maschinen überhaupt lizenziert werden muss. Wo kommt also die unterstellte Steigerung der Software-Kosten her?

Virtuelle Maschinen

Der Teufel steckt wie so oft im Detail; auch bei der Lizenzierungskritik. Langenfeld räumt eine Problematik ein, die mit der ­Lizenzierung von virtuellen Maschinen (VMs) zu tun hat: „Abhängig von der Anzahl der Cores im Server kann es in einzelnen Szenarien tatsächlich teurer kommen, weil man nicht pro 16 Kerne beziehungsweise pro Standard-Basislizenz automatisch zwei VM-Rechte bekommt, so wie noch unter Windows Server 2012 R2.“

Ein Praxisbeispiel: Angenommen der Kunde hatte unter Windows Server 2012 R2 zwei Server mit je zwei Prozessoren und je acht Kernen. Je Server hatte er damit eine Standardlizenz und konnte je Lizenz zwei Windows-Server-Instanzen ausführen, also in Summe vier.

Wenn er diese beiden physischen Server jetzt zu einem neuen Server konsolidiert, wieder mit zwei Prozessoren, aber mit je 16 Kernen, dann muss er 32 Kerne lizenzieren. Das kostet ihn das gleiche wie vorher zwei mal 16 Kerne. Aber: Für die 32 Kerne auf der neuen Hardware hat er nur noch zwei VM-Rechte erworben, keine vier, wie noch unter Windows Server 2012 R2. „Um die dritte und vierte VM auf dieser Hardware ausführen zu dürfen, muss er ­erneut die 32 Kerne lizenzieren“, so Langenfeld. In diesem Szenario verdoppeln sich die Lizenzierungskosten für die Software tatsächlich. „Auf der anderen Seite spart der Kunde durch die Konsolidierung der Hardware aber auch erheblich, sodass sich die Reduzierung der Hardware unter dem Strich durchaus lohnen kann. Und genau hier kommt die Arbeit des IT-Beraters ins Spiel“, gibt Langenfeld den Ball an Henschel weiter.

Wertschöpfung in virtuellen Zeiten

Der Berater nimmt ihn auf, formuliert die Kritik allgemeiner und bringt die Wertschöpfung von virtuellen Maschinen ins Spiel. Sie spiele dann eine Rolle, wenn der Einsatz virtueller Maschinen wie von Langenfeld beschrieben zu Lizenzkostensteigerungen führt, aber die VMs die Teuerung nicht durch steigende Wertschöpfung wettmachen könnten. Ein Zeiterfassungssystem, das auf einer VM laufe, erhöhe nicht deswegen die Wertschöpfung im Unternehmen, weil es nun auf einer Hardware mit mehr Performance laufe.

Henschel führt aus: „Inwieweit sich das für den Kunden rechnet, ist eine Frage der Wertschöpfung. Die betriebliche Übung ist ja eher, dass virtuelle Maschinen unverändert bleiben. Ein Beispiel: Ich schiebe eine VM von einer alten 16-Core-Maschine, die preislich identisch ist mit der Windows-Server-2012-R2-Lizenzierung durch den Load-Balancer auf das Neueste vom Neuesten, sagen wir eine 96-Core-Maschine mit vier Prozessoren. Auf der Maschine laufen dann, sagen wir, nicht mehr acht VMs, sondern 48. Dafür habe ich aber zehn alte Server ausgemustert. Das Problem ist dann, dass mich die Lizenzierung des alten Systems, das mit der 16-Core-Maschine 850 US-Dollar gekostet hat, jetzt das Vier- oder Sechsfache kostet.“

Ist eine VM für Zeiterfassung zuständig, lässt sich ihre Wertschöpfung für das Unternehmen schwer steigern.
Ist eine VM für Zeiterfassung zuständig, lässt sich ihre Wertschöpfung für das Unternehmen schwer steigern. (Bild: © rdnzl - Fotolia.com)

Das Unternehmen bekomme aber nicht mehr Wertschöpfung aus einzelnen, teureren VM heraus. Natürlich sei der eine neue Server viel leistungsfähiger, aber einzelne VMs können teurer werden. Denn der Kunde bezahle jetzt für die VMs nicht mehr den konstanten Preis pro Stück, sondern muss für je zwei VMs den gesamten Core-Bestand des neuen Servers lizenzieren, im Beispiel also 96 Cores. Henschel räumt ein, dass das ein Extrembeispiel sei, das aber in der Praxis vorkommen kann. Und dann könnte die Kalkulationsbasis für die Lizenzierungs-Kosten der VMs von 16 auf 96 Cores hochgehen. Da seien schon mal Vervierfachungen der VM-Kosten drin.

Im zweiten Teil erfahren Sie mehr zur Load-Balancing-Problematik und warum die ­Datacenter-Lizenz eine Lösung dafür sowie für die Kostensteigerungen pro eingesetzter virtueller Maschine sein kann.

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